Wie und mit wem Business Angels kooperieren

Uwe Kessel

In den letzten Jahren gab es eine enorme Entwicklung in der Start-up-Szene.

Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass Pitches im Fernsehen präsentiert werden?
Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit dem Thema Digitalisierung und
Start-ups. Das schafft ein immer freundlicheres Investitionsumfeld. Auch die Zusammenarbeit
der Angel-Investoren verändert sich. Während viele noch als „Einzelkämpfer“
agieren, habe ich mich schrittweise von einem solchen über den Verein hin zu einem
Angel Office mit entsprechender Unterstützung entwickelt.
Im Rahmen einer BAND Hotspot Tour reisten im Mai 2015 Business Angels aus ganz
Deutschland in die USA, um sich einen Eindruck über das Start-up-Ökosystem der
New York- und Boston-Region zu verschaffen. Neben altehrwürdigen Business Angels
Netzwerken wie den Beacon Angels oder den Hub Angels gab es auch die Gelegenheit,
sich mit Accelerators wie MassChallenge und TechStar sowie Experten des
Fraunhofer Center for Sustainable Energy Systems (CSE) oder dem Serial Entrepreneur
David Rose zu treffen.
In den Diskussionen hat sich gezeigt, dass Business Angels sehr unterschiedliche
Invest mentstrategien verfolgen. Während die einen auf das Unicorn (wie z.B. das
nächste Facebook oder Google) hoffen, investieren andere Business Angels erst,
wenn das Start-up erste Umsätze macht oder hochinnovativ ist. Aber unabhängig von
Unterschieden in der Investitionsstrategie hat sich in den USA eine Investitionskultur
gebildet, die durch gemeinsames Investment von häufig mehreren Angels geprägt ist.
Und es zeigte sich, dass es sehr unterschiedliche Strategien und Ansätze gibt, wie
Business Angels Netzwerke arbeiten und ihren Dealflow organisieren. Insgesamt also
spannende Erkenntnisse für deutsche Angel-Investoren, zumal für solche, die überwiegend
allein agieren, ihren Dealflow mehr oder weniger ad hoc organisieren und
mehr und mehr unter Zeitdruck geraten angesichts der Tatsache, dass es inzwischen
täglich Start-up-Events mit potenziellen Beteiligungsmöglichkeiten gibt.

Business Angels – Vorzüge einer Vereinsstruktur

In Deutschland sind laut BAND rund 20% der Business Angels in Business Angels
Netzwerken organisiert. Die in Deutschland existenten ca. 40 Business Angels Netzwerke
haben häufig einen regionalen und wenige auch einen inhaltlichen Fokus für ihre
Investitionen. Die meisten Business Angels Netzwerke organisieren Pitching-Abende,
bei denen sich von einem Gremium vorausgewählte Start-ups präsentieren. Das ist
nach wie vor für viele Netzwerke die populärste Form, um Start-ups und Angels zu
matchen.
Ein Beispiel sind die Rotonda Business Angels: Vor nunmehr fast acht Jahren haben
sich – infolge zahlreicher Begegnungen im Rotonda Business Club – die Rotonda
253 Business Angels als eigenständiger Verein etabliert. Heute tragen die rund 25 Vereinsmitglieder
sich anbahnende Start-up-Beteiligungen zusammen und tauschen sich darüber
aus. Im Fokus stehen frühphasige Start-ups, die kurz vor der Gründung stehen
oder gerade die Gründung abgeschlossen haben (Pre-Seed, Seed). Vielfach entstehen
daraus gemeinsame Beteiligungen. Mit jedem weiteren Co-Investor macht
jeder einzelne Business Angel sein investiertes Smart Money also ein Stück weit noch
smarter. Die Vereinsstruktur als solche erlaubt es den Vereinsmitgliedern, sich selbst
zu organisieren, erfordert demzufolge aber auch von jedem Mitglied ein gewisses Maß
an Engagement. Durch Vorstandsmandate und Mitgliederversammlungen werden
Entscheidungen vorbereitet und getroffen. Die Gegebenheiten dieser Struktur ermöglichen
es dem Verein, seine beiden Ziele – Erfahrungsaustausch und Co-Investments –
zu erreichen. Die Investmentgrößen bewegen sich im Bereich zwischen 50.000 EUR
und 100.000 EUR je Angel und Investment. Das entspricht dem Standard vieler Business
Angels Netzwerke in Deutschland.

Investor Office – Das Family Office für Business Angels

Die beschriebenen Strukturen eines sich selbst organisierenden, regionalen Vereins
stoßen dann an ihre Grenzen, wenn Angel-Investoren sich nicht mit dem langwierigen
Prozess der Vorauswahl der Zielunternehmen beschäftigen möchten, sondern sich
ausschließlich auf investitionsreife Start-ups in bestimmten Phasen (Late Seed, Pre-A,
Series A) oder Branchen oder Regionen fokussieren. Dann kann für den aktiven Angel
der Aufwand für die Suche nach dem passgenauen Start-up schnell ausufern bzw.
seine verfügbare Zeit übersteigen.
Vor diesem Hintergrund haben sich besonders aktive Angel-Investoren und Mitglieder
aus dem Rotonda Business Club zusammengeschlossen und gemeinsam die Rotonda
Investor Office GmbH gegründet. Die Initiatoren des Investor Offices haben ihrerseits
in den vergangenen Jahren viel Erfahrung gesammelt, an die 1.000 Investment- und
Beteiligungsoptionen geprüft, woraus über 50 Beteiligungen und einige Exits hervorgegangen
sind.
Unter dem Leitbild „Von Investoren für Investoren“ bietet das Rotonda Investor Office
aktiven Business Angels Advisory- sowie Management-Services. Zweck des Investor
Offices ist die laufende Beobachtung des Marktgeschehens sowie ein institutionalisiertes
Dealflow-Management, das im Kontext professioneller Strukturen aus der Masse
der Anfragen spannende Konzepte herausfiltert.
Kapitalsuchende Start-ups durchlaufen im Rotonda Investor Office einen standardisierten
Qualifikationsprozess, an dessen Ende sie potenziellen Investoren als unterschriftsreife
Beteiligungsmöglichkeit vorgeschlagen werden können. Unterschriftsreife
erlangt eine Beteiligungsmöglichkeit im Investor Office dann, wenn vorgelagerte Phasen
erfolgreich abgeschlossen und erforderliche Due Diligence-Prüfungen (rechtlich,
technisch etc.) durchgeführt wurden.

Auf dem Weg zum Club-Netzwerk

Auch die im Rotonda Business Angels Netzwerk aktiven Angel-Investoren profitieren
von Serviceleistungen des Investor Offices: Nach internen Überlegungen wurden die
254 Matching-Abende und die reinen Pitch-Präsentationen abgeschafft. Stattdessen wird
den Investoren fokussiert ein kontinuierlicher Dealflow angeboten. Über eine Plattform
können sie sämtliche geprüften Start-ups kontinuierlich einsehen, und parallel dazu
bietet sich ihnen die Möglichkeit, auf Investor Lounges ausgewählte Start-ups persönlich
kennenzulernen. Die Investor Lounges finden regelmäßig statt, und zwar bundesweit,
denn eine Umfrage unter den Investoren hatte ergeben, dass vielen der besonders
aktiven Business Angels ein Netzwerk in einer Stadt alleine nicht genug ist, denn
sie sind in mehreren Städten z.B. Berlin, München, Hamburg oder Frankfurt aktiv.
Gleichzeitig hat man sich dazu entschlossen, auch die Mitglieder des Rotonda Business
Clubs einzubeziehen, denn sie können wertvolle Unterstützung für die Start-ups
leisten. Der Business Club dient dabei mehr dem Erfahrungsaustausch und dem
Pflegen der Beziehungen zu direkten Corporates, Co-Investoren und anderen Angel-
Investoren im Umfeld des Clubs. Im Ergebnis steht ein zielgerichteter Prozess, der
dem Investor eine Struktur bietet, die in dieser Form einzigartig ist und die Vorzüge des
Club-Netzwerkes bestmöglich einsetzt.
Sobald ein Angel-Investor durch das Investor Office eine Investitionsempfehlung
erhält, ist er durch die bereits abgeschlossenen vorgelagerten Schritte ohne Umwege
in der Lage, eine Investition zu tätigen. Durch die Zugänglichkeit des Deals für alle
Angel- Investoren im Investor Office erhalten mehrere erfahrene Investoren gleichzeitig
die Möglichkeit, in der selben Runde eine Investition in ein Start-up zu tätigen. Gleichzeitig
greift das Investor Office auf eine Vielzahl an Mitgliedern im Business Club zurück,
welche hervorragend vernetzt sind und Start-ups bei ihrem Wachstum unterstützen
können. Und auch nach dem Deal steht das Investor Office dem Angel-Investor
als Ansprechpartner zur Seite, wobei das Monitoring der Beteiligung im Vordergrund
steht.
Damit ist für mich persönlich die Entwicklung vom „Einzelkämpfer“ über den klassischen
Business Angel-Verein zum Office mit anderen Investoren aber noch längst
nicht abgeschlossen. Ich bin gespannt, wie sich die Zusammenarbeit in den nächsten
Jahren weiterentwickelt.

Uwe Kessel

Foto Uwe Kessel

Uwe Kessel ist Geschäftsführer im Rotonda Business Club. Er organisiert mit seinem Bruder das Programm des Clubs und ist der erste Ansprechpartner für unternehmerische Initiativen im Club. Sein Motto, frei nach Seneca: Luck is what happens when preparation meets opportunity. Lets meet.

Außerhalb des Business Clubs hat er unterschiedliche Beirats und Beratungsmandate (u.a. Geschäftsführer MEKMA Beteiligungsgesellschaft und Partner compreneur Managementberatung).