KÖLN IST DIE KÜCHE DEUTSCHLANDS

STEPHAN GRÜNEWALD

Sie waren mit vielen Deutschen auf der Couch. Woran reibt sich die deutsche Seele?

Grünewald: Die Befindlichkeit ist: Wir drehen im Hamsterrad durch, alles ist in sinnloser Betriebsamkeit. Das Sinnlose macht wiederum Sinn, weil man sich nicht mit den offenen Fragen seines Lebens auseinandersetzen muss. Wir folgen damit der neuzeitlichen Paradiesvorstellung, das Paradies schon heute auf Erden erzielen zu müssen – nicht wie früher erst im Jenseits. Diese innere Unruhe hat aber auch damit zu, dass wir Deutschen keine klare Identität haben.

Was müsste passieren?

Grünewald: Die Politik schafft es nicht, Visionen zu entwickeln, die unser Identitätsgefühl stärken könnten. Unsere innere Unruhe hat uns einst zum Volk der Dichter und Denker gemacht. Zuletzt schien es, als könnten wir zum Volk der Weltretter werden, das sich für den weltweiten Umwelt- und Klimaschutz einsetzt. Mit der Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke im eigenen Land ist dieses Thema jedoch erst einmal wieder vom Tisch.

Gibt es keinen Grund zur Hoffnung?

Grünewald: Die WM 2006 hat uns einen Schub bei unserer Identitätssuche gegeben. Sie hat uns gezeigt, dass wir leidenschaftlich und locker sein können. Es ist schon ein Fortschritt, dass wir heute ganz unverkrampft die Identitätsfrage stellen können. Das war vor der WM 2006 schwierig. Man merkt allenthalben eine Sehnsucht nach sich selbst.

Sie haben sich in Ihren Analysen auch speziell mit den Kölnern befasst. Was macht die Kölner anders als den Rest der Republik?

Grünewald: Die Kölner haben zwei Seelen, die sie kunstvoll integrieren. Einerseits wollen sie Metropole sein und etwas hermachen. Das Problem dabei ist, dass man sich dafür ständig disziplinieren müsste. Da sind wir bei der zweiten Seele, dem Prinzip Kaffeebud. Hier geht’s gemütlich zu, man steht zusammen bei Kölsch und Röggelchen.

Sorgt diese Ambivalenz auf Dauer nicht für Verdruss und Lähmung?

Grünewald: Nicht beim Kölner. Bei ihm ist beides gleichzeitig da: Die Gemütlichkeit wird nicht der Größe geopfert, und die Größe nicht der Gemütlichkeit. Diese gekonnte Unentschiedenheit äußert sich in einer Art kindlicher Unbeschwertheit, Dinge anzugehen. Dieses Unfertige, Unperfekte hat aber auch seinen Charme. Der gemütlichste Ort in der Wohnung ist die Küche, weil sie meist etwas unaufgeräumt ist – genauso ist es mit Köln. Köln ist die Küche Deutschlands.

Was ist Ihrer Meinung nach das Rezept für Glück und Lebenszufriedenheit?

Grünewald: Das Glück liegt in der Suchbewegung. Sobald man sagt „Augenblick verweile doch, du bist so schön“ ist es schon zu spät. Wir überfordern uns leider damit, ständig einen Glücksanspruch umzusetzen und das Glück fixieren zu wollen. .

Was ist Ihrer Meinung nach das Rezept für Glück und Lebenszufriedenheit?

Grünewald: Das Glück liegt in der Suchbewegung. Sobald man sagt „Augenblick verweile doch, du bist so schön“ ist es schon zu spät. Wir überfordern uns leider damit, ständig einen Glücksanspruch umzusetzen und das Glück fixieren zu wollen. .

Welche Glücksmomente hatten Sie zuletzt?

Grünewald: Momentan freue ich mich über die Fertigstellung und Veröffentlichung unserer aktuellen Jugendstudie, in die wir viel Arbeit gesteckt haben. Was mich außerdem besonders glücklich gemacht hat ist der 6:3-Sieg von Mönchengladbach gegen Leverkusen. Darauf habe ich Jahrzehnte gewartet.

Die Glücksforschung betont den Wert von Freundschaften und sozialen Netzwerken. Was macht ein gutes soziales Netzwerk aus?

Grünewald: Ein soziales Netzwerk erfüllt eine Vielzahl psychologischer Funktionen. Zum einen ist es ein Netz, das mich absichert und trägt. Dafür braucht es eine Andockstation, beispielsweise Veranstaltungen oder Feste. Ein Netzwerk bietet auch eine Form der Selbstaufwertung, wenn dort interessante Menschen sind. Auch geht es um handfeste Vorteile, zum Beispiel Wissen zu erlangen oder Geschäfte machen zu können. Ein gutes soziales Netzwerk braucht aber auch eine Vision im Kleinen, etwas, das mir eine Identität gibt: wo entwickeln wir uns hin, was ist das Ziel.

Der Druck steigt, sich auch digital zu vernetzen. Wie gelingt die Verknüpfung von analogem und digitalem Netzwerk am besten?

Grünewald: Ich bin nicht sicher, ob sich analoge und digitale Netzwerke überhaupt verknüpfen lassen wollen. Das digitale Netzwerk ist eine ungreifbare Nabelschnur zum Bindungsbiotop. Beim leiblichen Netzwerk besteht der Reiz darin, ein Kölsch stemmen zu können. Diese Ambivalenz der Netzwerke kann man nicht auflösen. Das virtuelle Netzwerk ist aus meiner Sicht eine Parallelveranstaltung, um aus den Problemen im echten Leben aussteigen zu können. Ich sehe das kritisch, weil dadurch an virtuelle Welten Hoffnungen geknüpft werden, die nicht erfüllt werden können.

Wie gestalten Sie Ihr persönliches Netzwerk?

Grünewald: Ich habe einen überschaubaren Freundeskreis. Einen Freund von mir kenne ich seit dem dritten Lebensjahr. Mit einem anderen gehe ich alle 14 Tage ins Fußballstadion. Auch zu vielen Kunden pflege ich ein freundschaftliches Verhältnis. Daneben bin ich beispielsweise im Kuratorium der Kölner Philharmonie engagiert. Mein Bedarf an Menschenansammlungen ist damit ganz gut gedeckt. Beim Rotonda Business-Club gefallen mir das gute Vortragsprogramm und der moderne Charme des Ortes.

Interview: Hubertus von Barby

STEPHAN GRÜNEWALD

Stephan Grünewald ist einer der beiden Gründer von rheingold, einem international renommierten Institut für qualitativ-psychologische Markt- und Wirkungsforschung. Für seine beiden Buchveröffentlichungen „Deutschland auf der Couch“ (2006) sowie „Köln auf der Couch“ (2008) hat er Tausende von Deutschen nach ihren Ängsten, Wünschen und Hoffnungen befragt. Stephan Grünewald ist Mitglied im Rotonda Business-Club seit November 2009.